Ron - GurdjieffWenn wir auf unser Leben zurückschauen, führt diese Rückschau zu neuen Einsichten, weil sie mit  Erfahrungen und einem besseren Blick auf das Ganze verbunden sind. Ich habe mich gefragt, ob es mir gelingen würde, die Geschichte so darzustellen, wie sie sich damals in meiner Kindheit wirklich abgespielt hat, ohne die später dazugekommenen Ereignisse.
Gedanken über den Sinn des Lebens kamen mir schon irgendwann in der Volksschulzeit. Auslöser für die ständige Präsenz des Themas war das Ende des Lebens. Was auch immer ich dachte, es mündete immer in die Tatsache, und das mit Kummer, dass das Leben eines Tages zu Ende ist.
Ich erinnere mich an ein Erlebnis mit zwölf (ich hatte gerade von der Primarstufe in die Sekundarstufe gewechselt). Ich beobachtete ein Spiel auf dem Sportplatz, als ein Junge, den ich kaum kannte, auf mich zukam und spontan meinte: „Weißt du, warum ich den Tod nicht fürchte? – Er kommt sowieso.“ Dieser kurze Vorfall nahm mir die Angst und öffnete den Zugang zur eigentlichen Fragestellung: „Welchen Sinn hat das alles?“
Als junger Teenager hatte ich viele Freunde, ich hatte auch keine Probleme in der Schule, trotzdem vermisste ich etwas. Etwas in dieser großen Ordnung um mich herum fühlte sich falsch an, stimmte nicht, und als Folge davon machte ich vieles anders als sonst üblich.  So sagten meine Freunde: „Du gehörst nicht in diese Welt, du bist anders.“  Obwohl ich eine leise Ahnung hatte, was sie damit meinten, wusste ich nicht wirklich, was hier fehlte und wonach ich eigentlich suchte.
Meine Familie zog um, in ein kleines Dorf, in dem religiöse und nicht religiöse Leute in guter Harmonie miteinander lebten. Ziemlich bald waren viele meiner Freunde religiöser Herkunft. Ich erfuhr durch sie von einem Glauben und der Überzeugung, dass es etwas Höheres gibt als uns selbst. Ich sah aber auch ihre Schwierigkeiten im Befolgen der täglich auszuführenden Rituale, schwierig deshalb, weil sie nicht verstanden, warum sie sie auszuführen hatten und was diese Rituale bewirken sollten. „Das sind Fragen, die uns nicht zustehen“, war gewöhnlich ihre Antwort, und das hinterließ bei mir eine große Enttäuschung.
In diesen Jahren stellte ich fest, dass auch mein Vater begonnen hatte, sich nach neuen Lehren umzusehen. Auch wenn er sich nicht viel dazu äußerte, bemerkte ich, dass auch er nach etwas suchte. Er begann den Tarot zu studieren und verschiedene Heilmethoden, bis er sich scheinbar auf eine bestimmte Schule eingelassen hatte.
Wir beide liebten Science Fiction Klassiker und unsere Bücherei war voll davon. Eines Tages, als ich in einem dieser Bücher las, das irgendwie tiefgründiger war, kam mein Vater auf mich zu und drückte mir „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ von P.D. Ouspensky in die Hand. „Probier das“, sagte er, „es ist ein bisschen anders. Und wenn du es ein zweites Mal liest und meinst, es sei ein neues Buch, das du da in der Hand hältst, bedeutet es, dass du dich ein Stück weit entwickelt hast.“
Als ich ungefähr eine Stunde darin gelesen hatte, musste ich aufhören; ich ertrug die Gefühle, die dieses Buch in mir weckten, nicht länger. Ich stand auf, ging die Treppe rauf und runter, bis ich endlich auf einer Stufe sitzen blieb. Ein ganz klarer Gedanke war in meinem Kopf: „Ich habe es gefunden.“ Das Buch enthielt die Schlüssel zu allen Fragen, die ich zeitlebens in mir trug. Eine ruhige und gleichmütige Stimmung überkam mich, ein Gefühl, zu etwas Größerem zu gehören.

„Wenn das magnetische Zentrum richtig arbeitet und der Mensch ernsthaft sucht, dann kann er einem anderen Menschen begegnen, der direkt mit einem bestehenden Zentrum verbunden ist, das außerhalb des Gesetzes des Zufalls existiert; ein Zentrum, von dem die Ideen stammen, die dieses magnetische Zentrum gebildet haben.“ – George Gurdjieff