Gurdjeff und das “Sein”

Gurdjeff und das “Sein”
Die Unvollständigkeit des Menschen war ein immer wiederkehrendes Thema in der Lehre Gurdjieffs. „Wir gehen davon aus, dass der Mensch sich selbst nicht erkennt, dass er nicht IST“, pflegte er zu sagen um zu betonen, dass der Mensch nur einen Bruchteil seiner Fähigkeiten und Kräfte nutzt.

Diesen nicht entwickelten Menschen betrachtete er als ein unerfülltes Potential, ein Gefährt ohne Fahrer oder ein Haus ohne Herrn. Jede praktische Arbeit müsste also beim Werden ansetzen, denn indem der Mensch zum Sein wird, würde er über so beachtliche Fähigkeiten wie Wille, Bewusstsein und Einheit verfügen.

Zuallererst würde er wirklich werden, so wie sich der hölzerne Pinocchio sich in einen echten Jungen verwandelt hat. Ein voll entwickelter Mensch wäre losgelöst von einer bloß mechanischen Reaktion auf die Impulse, die er von den Fäden an denen er hängt, empfängt und würde damit zum Herrn seines Selbst werden. Dies ist die letztendliche und wenig schmeichelhafte Belohnung, die man am Ende des Vierten Weges erwarten darf. Der schlichte Luxus das wahre Sein zu leben.

In den kommenden Beitragsserien werden wir erforschen, was es bedeutet zu Sein.

Gurdjieff und das Bittgebet

Gurdjeff und das “Sein” - LabrongSei ist ein Befehl, und das Dasein wird durch eine bewusste Bemühung erworben. Man könnte glauben, dies wäre ein Gebet. Doch, während das religiöse Gebet nur die Anrufung einer höheren Gottheit ist, ruft schon allein der Imperativ Sei das bessere Ich im Menschen hervor.

„In der christlichen Religion gibt es eine Vielzahl von Gebeten … in denen die Meditation über das einzelne Wort im Vordergrund steht, die aber jeden Sinn und jede Bedeutung verlieren, wenn man sie bloß mechanisch wiederholt oder „absingt“. – George Gurdjieff (aus Auf der Suche nach dem Wunderbaren)

Die Resultate entsprechen jeweils dem eigenen Erkenntnisstand. Die Aufforderung zu Sein oder die Beschwörung „Es werde“ sind also nur so gut, wie die Bedeutung, die man ihnen beimisst. Wenn also dieser Befehl zu Sein einem präzisen und praktischen Sinngehalt entspricht, wird er zu einem Hilfsmittel des Erwachens, einer Mahnung an die höheren Ziele des Menschen und womöglich zu dem Funken, der alle früheren Bemühungen des Individuums zu entzünden vermag um den gegenwärtigen Augenblick zu erleuchten.

Gurdjieff über die Rückstrahlwirkung

“Wenn ein Mensch, der bereits im Besitz seines wahren Selbst ist … die Worte ‘Ich bin’ ausspricht, wird er – sein Solarplexus – stets zu einem Resonanzkörper einer Art Vibration oder eines Gefühls…” – George Gurdjieff (aus Das Leben ist nur wirklich, wenn ich Bin)

Gurdjeff und das “Sein” CahityaEin Funke muss genährt werden und die Aufforderung zu Sein muss verstärkt werden. Gurdjieff bezeichnet den Solarplexus, den Sitz des Gefühlszentrums, als das für diese Resonanzverstärkung zuständige Gefäß. Ohne dessen Unterstützung lösen sich selbst diese Worte in Nichts auf; ganz wie jedes Wort, das man etwa im Schlaf vor sich hin murmelt. Indem der Imperativ SEI eine emotionale, durch Verlangen und Überzeugung bestimmte Resonanzverstärkung erfährt, entzündet er sich zum Zustand des Daseins.

Die Architektur vieler Tempel kann als steinerne Ausdrucksform dieses inneren Prozesses betrachtet werden. So sind z. B. viele buddhistische Tempel-Höhlen genau nach diesem Konzept entworfen worden; um nämlich den Klang der darin intonierten Worte nach Möglichkeit zu verstärken. Die buddhistische Temple-Höhle im indischen Ellora weist sogar eindeutige Merkmale eines menschlichen Brustkorbs auf.

Im Zentrum sitzt der Buddha. Seine Hände zeigen die Geste des Dharmachakra Mudra, d. h. ER ist in diesem Moment in der Unterweisung der Lehre begriffen.

Was mag dieser Buddha seinen Schülern gelehrt haben? Die hinduistische Silbe OM entspricht in etwa der Befehlsform SEI. Um das OM zu intonieren, müssen die Lippen das M förmlich umschließen – quasi versiegeln. Während dieser Übung wird unweigerlich ein sonores Summen erzeugt, das, im ‘Tempel’ des Solarplexus lauten Widerhall findet.

So wie Außen, so auch Innen: Und ganz genau so durchdringt der Ruf nach dem Sein – verstärkt durch intelligentes Gefühl – die innere Welt des Menschen und ruft sein wirkliches ICH ins Leben.

Gurdjieff über die Herausforderung des Seins

Das Streben danach wirklich zu werden ist der große Gleichmacher, denn in diesem edlen Trachten verschafft weder Herkunft, Geschlecht oder Alter irgendeinen Vorteil. “Wir alle sind Bettler”, sagte Gurdjieff seinen Schülern und um sie angesichts des Seins ständig an ihren bescheiden Platz zu erinnern, brachte er über dem Eingang seines Instituts ein Schild mit folgender Aufschrift an:

“Hier gibt es weder Russen noch Engländer, Juden oder Christen, sondern nur diejenigen, die ein Ziel verfolgen – fähig sein zu Sein.” – George Gurdjieff